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Grußwort
zur 1. ordentlichen Landesbezirkskonferenz ver.di
Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern am 14. März
2003 in Lübeck
Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
Grußworte
sollen kurze Ansprachen sein. Wenn man so etwas ankündigt
geht das aber meistens daneben, ich will es trotzdem
versuchen.
Zunächst
einmal möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Ihnen im Namen
meines Landesverbandes recht herzlich zu gratulieren.
Gratulieren
zum Gelingen eines Vorhabens, dass in der Geschichte der
deutschen Gewerkschaftsbewegung der letzten 50 Jahre seines
Gleichen sucht.
Die
große Herausforderung und Aufgabe des Zusammenschlusses
verschiedener Einzelgewerkschaften zur größten und
einflussreichsten Einzelgewerkschaft Deutschlands habt ihr,
liebe Kolleginnen und Kollegen, in den letzten 2 Jahren
gemeistert.
Dies
war für alle Beteiligten keine leichte und einfache Aufgabe.
Dessen
bin ich mir vollauf bewusst und, ganz abgeschlossen ist dieser
Vereinigungsprozess sicherlich auch noch nicht.
Abgeschlossen
ist auch noch nicht der Vereinigungsprozess beider deutscher
Staaten, wie wir ihn 1990 gemeinsam begonnen haben.
Oskar
Lafontaine hat damals den Weg als weit und beschwerlich für
beide Seiten beschrieben und wurde nicht zum Bundeskanzler gewählt.
Helmut
Kohl versprach blühende Landschaften und eine schnelle
Angleichung des Ostens an den Westen und wurde erneut Kanzler
der Bundesrepublik Deutschland.
Wahrheiten
sind oft unangenehm, aber sie verlieren deshalb nichts an
ihrem Gehalt.
1998
haben wir gemeinsam mit monatelangen Demonstrationen und in
dem Willen nach einem Politikwechsel der Politik von Kohl,
Waigel und Blüm ein Ende bereitet.
450.000
Demonstrierende in Bonn, Tausende Gewerkschafterinnen,
Mitglieder von SPD- und PDS gemeinsam mit den
Erwerbsloseninitiativen Monat für Monat auf den Straßen
Norddeutschlands.
Ja,
einen Politikwechsel wollten wir alle - eine Politik für
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für die 4,5 Millionen
Arbeitslosen, die Kohl damals hinterlassen hat, eine Politik für
einen zukunftsfähigen Sozialstaat.
Die
Freude und die Erwartungen waren groß als es endlich
geschafft war.
Leider
hat der Wille zu einer anderen Politik bei der damals neuen
Regierung nicht lange vorgehalten
Der
Ozeanriese Bundesrepublik Deutschland wird in den neoliberalen
Strudel gelenkt, der keine Rücksicht nimmt auf die Rechte von
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, der in seiner Theorie und
Praxis keinen Platz für den Sozialstaat hat.
Was
dem im Wege steht, dass muss beseitigt werden.
Entsolidarisierung,
Rekordarbeitslosigkeit und die Fortsetzung des
Sozialstaatsabbaus sind die Folge.
Man
muss wohl kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die nächsten
Hiobsbotschaften heute mit der Regierungserklärung verkündet
werden.
Wir
werden nicht erst bis zur Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe
und Sozialhilfe - wenig über dem Sozialhilfeniveau - warten müssen.
Dieser elementare Eingriff jedoch muss unseren gemeinsamen und
entschlossenen Widerstand hervorrufen, denn mit einer
Zusammenlegung auf diesem Niveau werden die Sozialhilfeempfängerinnen
und -empfänger nicht aus der Sozialhilfe geholt, sondern - im
Gegenteil - noch mehr Arbeitslosenhilfeempfängerinnen und
-empfänger in die Sozialhilfe getrieben, was auch die
Kommunen und die sozialen Systeme zusätzlich belastet.
Letztendlich
werden durch diese sogenannten Reformen, ob sie nun
Job-Aqtiv-Gesetz, Hartz-Konzept oder wie auch immer heißen -
der Druck auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie auch auf
Erwerbslose erhöht.
Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
in
den von mir geschilderten Prozessen und Erscheinungen liegen
aus meiner Sicht in den nächsten Monaten und Jahren einige
wesentliche Herausforderungen für die Gewerkschaften, aber
auch für die PDS.
Unsere
Daseinsberechtigung werden wir daran messen lassen müssen,
wie wir auf diese Prozesse im Interesse unserer Mitglieder und
in Verantwortung gegenüber dem Grundgesetz Einfluss nehmen
werden.
Dass
sowohl die Gewerkschaften, als auch die PDS, dies können und
welche Kraft die parlamentarische und außerparlamentarische
Bewegung auch in Zeiten von Politikverdrossenheit und
Mitgliederschwund darstellen, haben wir auch in der jüngsten
Vergangenheit -z.B. mit der Friedensdemo am 15. Februar mit
500.000 TeilnehmerInnen oder der Demo im Januar in Rostock mit
über 5000 TeilnehmerInnen eindrucksvoll bewiesen.
Liebe
Kolleginnen und Kollegen,
in
diesem Zusammenhang möchte ich mich auch für die sehr gute
Zusammenarbeit zwischen der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di
und der PDS in Mecklenburg-Vorpommern in den letzten Jahren
bedanken. Ihr seid ein verlässlicher Partner und kompetenter
Mitstreiter gewesen:
nicht
nur beim Bildungsfreistellungsgesetz und der Entwicklung
unseres Arbeitsmarkt- und Strukturentwicklungsprogramms oder
der gemeinsamen Erklärung, die wir noch in der heißen
Wahlkampfphase im letzten Sommer verabschiedet haben, war dies
so.
Gleichzeitig
möchte ich an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, dass die
Politik der Bundesregierung auch an unserem Land nicht spurlos
vorüber geht.
Die
Handlungsfähigkeit der Regierung wird immer weiter eingeschränkt
und ich sage es hier ganz frei heraus - teilweise geht es auch
an / über unsere Schmerzgrenze / hinaus. Dennoch wollen wir
versuchen, die im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziele
umzusetzen. Das wird uns aber nur gelingen, wenn wir Hilfe und
Unterstützung auch außerhalb des Parlamentes, also auch von
ihnen/euch und anderen Interessengruppen erhalten.
Dabei
denke ich u. a. an die Verabschiedung eines
Landestariftreuegesetzes für Mecklenburg-Vorpommern.
Die
bevorstehende Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe
habe ich schon angesprochen. Von April bis Juli werden
Arbeitsloseninitiativen dazu Aktionen durchführen - und wir
werden sie nicht allein lassen!
Die
Gesundheitsstrukturreform steht ebenfalls vor der Tür und im
Land haben wir mit unseren Vorhaben zum kostenfreien
Vorschuljahr und zur Novellierung des Kindertagesstättengesetzes
wichtige, weil zukunftsweisende Projekte auf dem Plan.
Auch
hier brauchen wir die Unterstützung der Gewerkschaften.
Während
wir hier über die Zukunft beraten wird vielleicht gerade von
den USA ein Krieg vom Zaun gebrochen. Unterschiedlicher kann
die Herangehensweise an Konflikt- und Problemlösungen nicht
deutlich gemacht werden.
Die
bevorstehenden Wochen und Monate machen zukunftsfähige
Entscheidungen im Land, im Bund, in der EU und in der Welt
notwendig.
Für
die bevorstehenden schwierigen Aufgaben wünsche ich ihnen und
uns gemeinsam eine gute Zusammenarbeit, die notwendige
gegenseitige Unterstützung und damit recht viel Erfolg.
14.03.2003
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