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Zum
50. Jahrestag des Aufstandes vom 17. Juni 1953 erklären die
PDS-Fraktionsvorsitzende, Angelika Gramkow, und der
PDS-Abgeordnete sowie Vorsitzender seiner Partei, Peter
Ritter:
Erklärung
zum 50. Jahrestag des Aufstandes vom 17. Juni 1953
17.
Juni 1953: Das Datum markiert Ereignisse, deren Benennung und
Bewertung Jahrzehnte hindurch umstritten waren und es bis
heute sind.
Der 17. Juni 1953 hinterließ bei Zeitgenossen, die die
Ereignisse in der DDR persönlich erlebt hatten,
jahrzehntelang ein Trauma.
Wissen und Beurteilungskraft der nachfolgenden Generationen
waren vielfach von ideologischen Rechtfertigungs- und Erklärungsmustern
verstellt.
Dies vor allem - das traumatische und ideologische Nachwirken
- sollten Grund und Anlass sein zu tiefem Nachdenken und abwägendem
Bedenken.
Heute
ist auf der Grundlage vieler neu erschlossener Quellen,
bekannt gewordener Fotos und persönlicher Schilderungen eine
genauere Einschätzung möglich.
Der 17. Juni 1953 ist der Kulminationspunkt einer
Volkserhebung, die mit spontanen Arbeitsniederlegungen und Bürgerprotesten
an vielen Orten
begonnen hatte und schließlich die seit längerem
aufgestauten Gegensätze zwischen der zum größten Teil
reformunwilligen SED und Regierung einerseits und großen
Teilen des Volkes andererseits aufbrechen ließen. Die
Ereignisse waren vor allem Ausdruck der Unzufriedenheit mit
der Politik der SED.
Die
über 50 Todesopfer, das Schicksal Hunderter
nach dem 17. Juni 1953 Verurteilter, politisch
Diskriminierter und Zwangsdisziplinierter fordern uns zum
Gedenken auf.
Die 50. Wiederkehr des 17. Juni 1953 lädt weder zu einer
Vergangenheitsbewältigung durch Vergessen oder Verklärung
noch zu ideologisch vorbestimmter Schwarz-Weiß-Malerein ein.
Im Gegenteil.
Das Datum ist vor allem Anlass zu kritischer und
differenzierender Meinungs- und Urteilsbildung.
Die ersten Hauptforderungen in den Junitagen 1953 waren - wie
Dokumente und auch Stasi-Protokolle belegen - eher sozialer
Art, was nicht zuletzt auch die Situation im Nordosten im
Jahre 1953 kennzeichnete. So wurden die Zurücknahme der Erhöhungen
von Normen und anderer beschlossener sozialer
Ungerechtigkeiten verlangt.
Soziale Gerechtigkeit war somit der Kern der Forderungen.
Doch schon wenig später wurden Rufe nach gesamtdeutschen
freien Wahlen, einem sofortigen Friedensvertrag für ganz
Deutschland sowie Presse- und Funkfreiheit in den
Demonstrationen erhoben.
Die Tragik im Verlauf der Ereignisse und letztlich die
Erfolglosigkeit der Proteste und Rufe waren indes wesentlich
im allgemeinen politischen Hintergrund vorbestimmt.
Es
war die Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Der Übergang des
Westens zur Politik des „Roll back“, die feste Etablierung
zweier befeindeter deutscher Staaten, das weitere Lodern des
Korea-Krieges, die Verworrenheit in der Politik des Ostens
nach dem Tode Stalins - all dies hatte zu starren politischen
Fronten geführt und die politischen Spielräume in Ost und
West verengt.
Die tiefgreifenden Spannungen zwischen den Westmächten und
der UdSSR bestimmten die Situation in Europa, in Ost wie in
West, und beeinflussten die Stimmung und das Denken im öffentlichen
Leben.
Der
17. Juni 1953 war somit Ausdruck einer akuten Krise.
Aber er sollte sich schon bald auch als eine die Geschichte in
der DDR prägende Weichenstellung erweisen. Reformorientierte
Kräfte innerhalb der Partei und der gesamten Gesellschaft
wurden zum Schweigen gebracht. Das stalinistische System wurde
betoniert. Desillusionierend war auch, dass die Sowjetunion
erstmals vor aller Öffentlichkeit militärisch gegen eine
Erhebung in einem der „volksdemokratischen“ Bruderländer
vorgegangen war.
Der
17. Juni 1953 hatte lang anhaltende und in sich widersprüchliche
Folgen.
Das Geschehen in diesen Tagen hatte die Schwäche des
politischen Systems offen gelegt und zu einer Lähmung des
SED- und Regierungs-Apparates geführt.
Für die SED-Führung war der 17. Juni 1953 ein Menetekel.
Das
Wissen um die Ereignisse war für sie stets eine große
Verunsicherung.
Bis in die letzten Tage der DDR war darum die Politik der SED
von einer krankhaften Ängstlichkeit vor innerer Opposition
und freier Meinungsäußerung Andersdenkender bestimmt.
Die Ereignisse des 17. Juni 1953 bewirkten auf Dauer die
innere Überrüstung der DDR sowie eine volksfeindliche und
hochstaplerische Politik, die glaubte, mit einem allgegenwärtigen
Sicherheitsapparat Alles und Jeden kontrollieren und im Zaum
halten zu können.
Es war dies eine reaktionäre und ausschließlich reagierende
Politik.
Das bittere Fazit - das sich schon sehr bald ziehen ließ -
ist, dass die SED als herrschende Partei nicht fähig und
bereit war, Sozialismus mit Demokratie und Freiheit zu verknüpfen.
Im 17. Juni 1953 lag für immer das schlechte Gewissen der SED
gegenüber dem Volk.
Pluralität
und Widerspruch lebendig halten, kritische Stimmen ernst
nehmen, das sind Lehren des 17. Juni 1953, die es heute zu
beherzigen gilt.
Dies muss sich vor allem die PDS in ihr politisches Stammbuch
schreiben, aber nicht nur sie.
Die Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen sowie ein
kritisches Hinterfragen der historischen Ereignisse und
nachfolgenden Entwicklungen wären heute ein wichtiger Beitrag
für gesellschaftliche Debatten.
Die PDS Mecklenburg-Vorpommern bedauert deshalb, dass der von
ihr im Landtag angeregte
Dialog der Parteien, der Träger der politischen Bildung, der
Zeitzeugen von damals und der heutigen jungen Generation
bisher nicht zu Stande gekommen ist.
Schwerin,
16. Juni 2003
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