|
Peter Ritter,
Landesvorsitzender der PDS Mecklenburg-Vorpommern: Leserbrief
an das „Neues Deutschland“
Zu den
Berichterstattungen und Leserbriefen im „Neuen
Deutschland“ zur Verwaltungs- und Funktionalreform in
Mecklenburg-Vorpommern
Im Beschluss
des Landesparteitages „Verwaltungsreform und –modernisierung“
vom Sommer diesen Jahres heißt es u. a.: „Die Ausarbeitung
und schrittweise Umsetzung des Projektes „Reform und
Modernisierung der öffentlichen Verwaltung“, wie es
zwischen PDS und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart wurde,
ist ein Prüfstein für die weitere politische Gestaltungsfähigkeit
der rot/roten Koalition in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist
politischer Wille der PDS, dass Modernisierung und Reform der
Staatsverwaltung und des öffentlichen Dienstes im Land Erfolg
haben.“
Nach unzähligen
Debatten innerhalb eines Jahres im Koalitionsausschuss haben
die Vertreter der PDS einem Kompromiss zu einem Bestandteil
der Verwaltungs- und Funktionalreform, der Anzahl der künftigen
Kreise, zugestimmt. Die Debatte um die Anzahl der Kreise hat
leider von Anfang an den Schwerpunkt der öffentlichen
Diskussion dargestellt und musste beendet werden, um den
Fortgang des gesamten Reformvorhabens nicht zu gefährden.
Kritiker des
Kompromisses stellen mit dem Fünf-Kreise-Modell Bürgernähe
und Effizienz der Verwaltung in Frage. Wer mit Bürgernähe
die Mitwirkung und Entscheidungsmöglichkeiten von
Kreistagsabgeordneten meint, hat mit seiner Kritik Recht. Dann
jedoch wäre es konsequent, zu den Strukturen zurückzukehren,
die bis zur Kreisgebietsreform 1993/1994 bestanden. Damals
wurden in der Regel aus drei Kreistagen mit je 50 Abgeordneten
ein Kreistag mit 47 bis 51 Abgeordneten. Ein Zurück zu dieser
Struktur aber will die PDS nicht.
Im
Parteitagsbeschluss werden sieben bis zehn neue Kreise
favorisiert. Beim Modell mit 7 Kreisen und zwei kreisfreien Städten
würde der größte Kreis eine Fläche von 5500
Quadratkilometern einnehmen. Beim jetzt getroffenen Kompromiss
umfasst die Fläche des größten Kreises rund 7000
Quadratkilometer. Größere Bürgernähe beim
7-Kreise-Modell!?
Die Frage
lautete daher, wie kann die Arbeitsfähigkeit von
Kreistagsabgeordneten in einem großen Kreis sichergestellt
werden. Auf Drängen der PDS wurde daher u. a. vereinbart,
dass Fraktionen in Kreistagen künftig mit Geschäftsstellen
und Mitarbeitern auszustatten sind. Ein Privileg, das sich
bisher nur wenige Vertretungen, vor allem in kreisfreien Städten,
leisten konnten, für die künftige Arbeit in den neuen,
zahlenmäßig größeren Kreistagen aber zwingend notwendig
ist. Bürgernähe aber ist mehr. Bürgernähe muss dort
entstehen, wo der Bürger seine Angelegenheiten erledigen
muss. Das passiert in den wenigsten Fällen in den
Kreisverwaltungen, sondern eher in den Stadt-, Gemeinde- oder
Amtsverwaltungen. Die Herstellung von effizienten, modernen
Strukturen vor Ort ist daher ein weiterer Bestandteil der
Verwaltungs- und Funktionalreform. Genauso gehört dazu die
Aufgabenverlagerung von der Landes- auf die Kommunalebene.
Funktional- und Kreisgebietsreform stehen in mehrfacher
Hinsicht in direktem Zusammenhang. Mit der Entscheidung zur
Anzahl der Kreise ist der Prozess der Verwaltungs- und
Funktionalreform also nicht abgeschlossen.
Die Debatte
um die Verwaltungs- und Funktionalreform zeigt erneut, dass
die Zusammenarbeit in einer Koalition nicht einfach ist,
harte, inhaltliche Auseinandersetzungen auf der Tagesordnung
stehen. Kompromiss- und Konsenssuche gehören zu den
Arbeitsprinzipien. Das bedeutet in der Praxis, dass
Wahlprogramme und Parteitagsbeschlüsse nicht 1:1
Widerspiegelung in Beschlüssen der Koalition finden können.
Wolfgang
Methling als Stellvertretender Ministerpräsident, Angelika
Gramkow als Fraktionsvorsitzende und ich als
Landesvorsitzender sitzen nicht im Koalitionsausschuss, um
„nach Belieben“ Parteitagsbeschlüsse zu brechen. Wir
haben die Aufgabe, mit dem Koalitionspartner Streitfragen zu lösen,
um die Umsetzung der Koalitionsvereinbarung zu ermöglichen.
Ob die im Dezember getroffenen Kompromisse zur Verwaltungs-
und Funktionalreform und zum Doppelhaushalt 1004/2005 geeignet
sind, den Koalitionsvertrag umzusetzen, muss auf dem außerordentlichen
Parteitag der PDS M – V im Januar diskutiert und beschlossen
werden.
|