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Landtagssitzung am 13./14. November 2004
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Rede des PDS-Landesvorsitzenden Peter Ritter zum 60. Jahrestag
der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des
Zweiten Weltkrieges
Befreit oder Besiegt?
Kaum eine andere Frage in der deutschen Geschichte wurde und
wird so kontrovers diskutiert wie diese. Heinrich Graf von
Einsiedel, als Jagdflieger bei Stalingrad abgeschossen,
Vizepräsident des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ und von
1994 bis 1998 Abgeordneter der PDS im Deutschen Bundestag,
schrieb 1995, zum 50.Jahrestag der Befreiung: „Die Sieger waren
überzeugt, ein Volk von Barbaren besiegt zu haben, deren Zähmung
und Umerziehung lange Jahre dauern würde und streng überwacht
werden müsse. Kann man es ihnen verdenken? Das Ausmaß der
Nazi-Verbrechen, die jetzt bekannt wurden, verschlug doch aller
Welt den Atem.
Und wir? Die vernichtende Niederlage der Nazis war doch über uns
gekommen wie ein Erdbeben. Wir selbst hatten die Erde beben
lassen und waren weiter marschiert, bis alles in Scherben fiel.
Fast alle deutschen Städte lagen in Trümmern. Elf Millionen
marschierten in oft jahrelange Gefangenschaft. Noch einmal weit
über 10 Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Millionen
mussten ihre Unschuld oder „unschuldiges“ Mitläufertum beweisen
oder zu beweisen trachten. Hunderttausende wurden verschleppt.
Allgemeine
Verachtung schlug jetzt jenen entgegen, die noch wenige Monate
zuvor alle anderen Völker als minderwertig erklärt hatten.
Und sie alle sollten sich befreit fühlen? Das ist doch wirklich
etwas viel verlangt. Nein! Für uns Deutsche konnte der 8.Mai
1945 nur der Beginn der Befreiung von all den Irrlehren des
deutschen Imperialismus sein, die uns jahrelang eingetrichtert
wurden – von Rassenhass, Nationalismus, Militarismus,
Volk-ohne-Raum-Ideen und grenzenloser Selbstüberschätzung.“ Der
„Beginn“ der Befreiung.
Dieser Beginn der Befreiung liegt nun fast 60 Jahre hinter uns.
Haben wir das Ende der Befreiung von den „ Irrlehren“ erreicht?
Ein Blick auf jüngste Wahlergebnisse einer Partei, die sich
offen in der Tradition des so genannten „Dritten Reiches“
bewegt, lassen Zweifel aufkommen. Doch nicht nur die
Wahlergebnisse. Vielmehr lassen die Irrlehren des
Rechtsextremismus, des Antisemitismus und der
Ausländerfeindlichkeit, die immer wieder mitten in der
Gesellschaft auftauchen, Zweifel aufkommen, ob uns diese
Befreiung gelungen ist. Heinrich Graf von Einsiedel stellte 1995
fest: „Der Kampf um die Befreiung geht weiter“.
Der 60. Jahrestag der Befreiung, in Mecklenburg-Vorpommern als
einzigem Bundesland offizieller Landesgedenktag, muss für
demokratisch verfassten Parteien und Organisationen, für alle
demokratisch gesinnten Bürgerinnen und Bürger des Landes Anlass
sein, dass Ringen um die Befreiung von rechtsextremen und
ausländerfeindlichen Gedanken zu forcieren. Nazis raus aus den
Köpfen! Dieser Spruchmuss endlich Realität werden!
Zur Auseinandersetzung mit dem 8. Mai gehört auch die
Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Entwicklung nach
1945. In Ost wie in West. Schon bei unserem Vorschlag 1999, den
8. Mai als offiziellen Landesgedenktag auszuweisen, haben wir
darauf verwiesen, dass das zu einer umfassenden
Auseinandersetzung mit diesem historischen Datum dazu gehört. So
ist es schon sinnvoll, die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen
in Ost und West zu hinterfragen. Unermessliches Leid und Trümmer
gab es auf beiden Seite der Elbe. Anders als im Westen, konnten
die Menschen im Osten, von ihrer Besatzungsmacht kein
Wirtschaftswunder erwarten. Für die Verwüstungen in der
Sowjetunion musste der Osten unvergleichlich höher Reparationen
zahlen. Der Staatsaufbau im Osten hatte dem sowjetischen Modell,
auch mit all seine Unfreiheiten zu folgen. Auch später, in der
Zeit des Kalten Krieges, belasteten die sowjetisch geprägten und
bestimmenden Militärdoktrinen die Entwicklung von Politik und
Wirtschaft in der DDR. Und erst mit den Veränderungen in der
Sowjetunion wurden Veränderungen in der DDR möglich.
Und im Westen? Auch im Westen prägten die Besatzungsmächte das
neu entstehende politische System. Mit der Durchführung einer
separaten Währungsreform wurden rechtzeitig Grundlagen für die
Abspaltung der westlichen Besatzungszonen gelegt. Die junge
Bundesrepublik fand sich bald in der NATO wieder und wurde in
der Zeit des „Roll Back“ zur wichtigsten Speerspitze des
atlantischen Bündnisses. Und erst mit den Veränderungen in der
Sowjetunion und der sich damit ändernden
sowjetisch-amerikanischen Beziehungen konnte sich die
Bundesrepublik ändern.
Aber hat sie sich geändert, oder ist sie nur größer geworden?
Mit den 2+4-Verhandlungen, mit dem Beitritt der neuen
Bundesländer zur Bundesrepublik, mit der Erweiterung der
Europäischen Union eröffneten und eröffnen sich neue
Möglichkeiten für die Entwicklung eines friedlichen Europas. Ob
das in der Europäischen Verfassung angestrebte
Militarisierungsgebot für die EU-Mitgliedsstaaten allerdings die
richtige Schlussfolgerung ist, muss angezweifelt werden.
Das alles gehört dazu, wenn man über das Ende des Zweiten
Weltkrieges und den 8.Mai 1945 redet. Wer aber über den 8.Mai
1945 und das Ende des Krieges redet, der darf über den 30.
Januar 1933 – die Machtergreifung der Nationalsozialisten in
Deutschland nicht schweigen. Es darf nicht vergessen werden,
dass es vor allem führende Kreise des Großkapitals waren, die
die Nazis an die Macht brachten, ihre Verbrechen finanzierten
und vom Krieg profitierten.
Der Zweite Weltkrieg ging von Nazi-Deutschland aus. Die
deutschen Faschisten strebten eine Neuordnung Europas und der
Welt an. Sie führten dazu einen barbarischen Krieg. Dieser war
bis dahin einmalig in seiner Dimension, in seiner Brutalität, in
seiner Totalität. Er zerstörte Zivilisation und Kultur. Alles
war kalkuliert und geplant:
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der
industrielle Massenmord an Menschen jüdischer Herkunf
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die
Ausrottung der Sinti und Roma
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die
Vernichtung von politischen und weltanschaulichen Gegnern, von
Menschen mit Behinderungen, von Homosexuellen.
Diese Verbrechen sind beispiellos in der Weltgeschichte. Sie
entsprachen der rassistischen und völkischen Staats-Ideologie
der Nazis. Erst brannten Bücher, dann Menschen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
es gibt aktuelle Anlässe, die aufhorchen lassen und zum Handeln
auffordern. Wir erleben, dass
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der 8.Mai
1945 noch immer eher als Tag der Niederlage und als Tragödie
für Deutschland ins Bewusstsein gerückt wird
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rechtsextremistische Parteien und Organisationen, die die
faschistische Herrschaft glorifizieren und die Verbrechen des
Naziregimes leugnen, an Einfluss gewinnen und gewählt werden
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in großen
Teilen von Politik und Medien mit der Gleichsetzung von NPD
und PDS eine unsägliche Tradition der Volksverdummung wieder
aufersteht
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viele junge
Menschen in unserem Land über die Nazi-Diktatur, ihre
Wegbereiter, über Ausmaß und Folgen dieser Gewaltherrschaft
wenig wissen
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ein
Ministerpräsidentenkandidat der NPD nicht nur Stimmen aus
seiner eigenen Partei erhält.
Es ist daher dringend notwendig, dass wir uns jetzt, gemeinsam
gegen diese gefährlichen Entwicklungen über Parteigrenzen hinweg
entgegen stellen. Am Wahlsonntag 2006 erschreckt aufzuwachen ist
zu spät!
Der 60.Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der
Beendigung des Zweiten Weltkrieges, muss daher genutzt werden,
um in einem breiten Dialog mit Zeitzeugen die Entstehung des
Faschismus, die Geschichte des Krieges und den politischen
Neuanfang 1945 zu diskutieren. Und ich bin den Fraktionen von
SPD und Bündnis 90/Die Grünen an dieser Stelle dankbar, das sie
dieses Anliegen in ihrem Antrag vom April diesen Jahres
aufgreifen, und die Bundsregierung, die Regierungen der
deutschen Länder und die Bürgerinnen und Bürger, uns alle
aufrufen, sich mit dieser Thematik umfassend und in
angemessener Weise auseinanderzusetzen.
Mit unserem Antrag, um dessen Zustimmung ich Sie bitte, folgen
wir der Intention von SPD und Grünen im Bundestag.
Und wir sollten das in großer Übereinstimmung tun.
Sehr geehrte Damen und Herren,
der geschichtliche Ablauf bringt es mit sich, dass wir in den
Jahren 2004 und 2005 eine Reihe von 60. Jahrestagen begehen, die
im Zusammenhang mit dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte
stehen. Da ist der in diesem Jahr begangene 60. Jahrestag des „D-Day“.
Da ist der 60. Jahrestag des Attentats der Männer um
Stauffenberg gegen Hitler. Da ist der 60.Jahrestag des
Aufstandes im Warschauer Getto. Da sind die 60.Jahrestage der
Ermordung von Rudolf Breitscheid und Ernst Thälmann. Und da ist
schließlich der 60. Jahrestag der Befreiung vom
Nationalsozialismus.
Ich habe die Aufzählung dieser Gedenktage gewählt, um deutlich
zu machen, dass der Widerstand gegen das Hitlerregime viele
Gesichter und Namen, vor allem viele Opfer hatte. Als
Landesvorsitzender der PDS und als Mitglied des Landesvorstandes
der VVdN- BdA ist es mir besonders wichtig, darauf hinzuweisen.
Jede alte oder neue Einseitigkeit in der Bewertung und Würdigung
des Widerstandes gegen Hitler und seine Helfer, Gönner und
Förderer behindert uns in der heutigen Auseinandersetzung mit
den modernen Formen des Rechtsextremismus und der
Ausländerfeindlichkeit.
„Gedenktage sind ohne Sinn, wenn sie nicht in Gegenwart und
Zukunft hineinwirken.“ Dieser Spruch Ernst Thälmanns gilt auch
für die Auseinandersetzung mit dem Gedenktag 8.Mai. Dieser
Spruch gilt aber auch für die Gedenkstätten unseres Landes.
Auch Gedenkstätten sind ohne Sinn, wenn sie nicht in Zukunft und
Gegenwart hineinwirken. Prora, Peenemünde, Alt-Rehse, Wöbbelin,
Barth - das sind nur einige Stätten mit Geschichte in unserem
Land. Geschichte die es zu bewahren, zu vermitteln gilt.
Geschichte an Gedenkstätten, an authentischen Orten, die in die
Zukunft hineinwirken müssen, um Geschehenes nicht zu vergessen
und Wiederholungen auszuschließen! Allen Versuchen, z.B. Prora
einer nur kommerziellen Nutzung zu unterziehen, muss mit aller
Entschiedenheit begegnet werden. Auch und vor allem in
Vorbereitung auf den 60.Jahrestag der Befreiung vom
Nationalsozialismus.
Sehr geehrte Damen und Herren,
meine Fraktion hat schon seit langer Zeit vor dem neuen
Erscheinungsbild des Rechtsextremismus in unserem Land gewarnt.
Die Strategie der extremen Rechten über den „Kampf auf der
Straße“ nunmehr den „Kampf um die Parlamente“ zu führen, ist
aufgegangen. Notwendige Gegenstrategien verhakeln sich oft im
unnötigen klein-klein der Kräfte im parlamentarischen wie im
außerparlamentarischen Raum. Es kann nicht darum gehen, wer der
bessere Antifaschist ist. Es muss darum gehen, gemeinsam in die
Gesellschaft hineinwirkende Strategien für Demokratie und
Toleranz zu entwickeln.
Die Überarbeitung und finanzielle Untersetzung des Leitfadens
der Landesregierung „Demokratie und Toleranz gemeinsam stärken!“
aus dem Jahre 2001 gehört genauso dazu, wie unser aller
alltägliches Auftreten gegen rechtsextreme und
ausländerfeindliche Parolen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir haben im April diesen Jahres gemeinsam hier beschlossen, „
…dass es in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus,
Antisemitismus und Rassismus kein Nachlassen geben darf.“
Wir waren uns einig, „…dass Rechtextremismus, auch in Form
rechtsextrem motivierter Gewalt, nicht nur auf wenige Ursachen
zurückgeführt werden kann. Es handelt sich um einen Komplex
globaler und lokaler, gesellschaftlicher und individueller
Ursachen. Sie resultieren nicht zuletzt aus tief greifenden
sozialem und politischen Wandel.“ Schließlich fordert der
Beschluss „…die Landesregierung, die Landkreise, kreisfreien
Städte und alle Kommunen auf, zivilgesellschaftliche
Gegenstrategien gegen extreme Rechte zu entwickeln.“
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Forcieren wir jetzt dieses Ringen und betten den 60. Jahrestag
der Befreiung als einen Bestandteil ein. |
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