PETER RITTER    
09.05.2007: Rede Peter Ritter zur

Entschließung zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges

 

Frau Präsidentin,

meine Damen und Herren,  

lassen Sie mich meine Rede mit drei Begebenheiten beginnen. 

Die erste fiel mir wieder am Montag während der Festveranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ein, als über die Verantwortung deutscher Soldaten im 2.Weltkrieg gesprochen wurde. 

Als mein Vater so alt war, wie mein Sohn heute, nämlich 19 Jahre, musste er als Soldat der Wehrmacht an die Ostfront. 

Dort schwer verwundet, geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, aus er erst 1949 zurückkehrte. 

Über seine Kriegserlebnisse hat er kaum berichtet.

Aus Scham oder zur Verdrängung?

Ich weiß es nicht. 

Ich weiß aber, dass er nach Rückkehr aus der Gefangenschaft etwas neues, etwas anderes wollte. 

Er wurde Mitglied der SED, ging zur damaligen Volkspolizei und arbeitete bis zum Eintritt ins Rentenalter als Kriminalist. 

Nach der undiffernzierten Lesart des Kollegen Dr. Jäger hat sich mein Vater somit schuldig gemacht vom Übergang der einen - wie Herr Dr. Jäger meint - in die andere Diktatur. 

Das schmerzt persönlich. 

Und es beleidigt viele tausend Männer und Frauen der Generation meines Vaters. 

 

Die zweite Begebenheit.

Ein Regiment in dem ich diente, trug den Namen Bernhard Bästlein. 

Sie, Herr Dr. Jäger, werden mit dem Namen vielleicht nichts anfangen können. 

Bernhard Bästlein war ein führender Funktionär der KPD und wurde von den Faschisten umgebracht. 

Ich habe lange gesucht, um ähnliche Namensgebungen bei Verbänden der Bundeswehr zu finden. 

Vergeblich. 

Eher bin ich auf andere Namen gestoßen. 

Mit Ihrer undifferenzierten Betrachtungsweise vom Übergang der einen in die andere Diktatur blenden Sie diese Tatsachen völlig aus. 

Die dritte Begebenheit.

Seit vielen Jahren bin ich Mitglied im Bund der Antifaschisten. 

Ebenso Mitglied dieser Vereinigung ist der von mir hoch geschätzte Dr. Ullrich Rabe. 

Herr Dr. Rabe ist der einzige Überlebende seiner jüdischen Familie. 

In der DDR wie heute versucht Dr. Rabe mit all seinen Kräften eine Wiederbelebung faschistischen Gedankengutes zu bekämpfen. 

Nach ihrer undifferenzierten Betrachtung ist aber auch Dr. Rabe Schuld am Übergang der einen Diktatur in die andere.  

So aber kann und darf die Geschichte vor dem 8.Mai 1945, die Würdigung der Befreiung vom Hitlerfaschismus und die Geschichte nach dem 8.Mai nicht interpretiert werden. 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus und seinen heutigen Nachfolgern gehören die Ursachen seiner Entstehung, die Verbrechen und Leiden des Krieges und die durch die Besatzungsmächte geprägte Entwicklung im Nachkriegsdeutschland zusammen. 

Jede Gleichsetzung der geschichtlichen Epochen oder eine Verharmlosung ihrer Ergebnisse sind für diese Auseinandersetzungen jedoch schlechte Ratgeber.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der deutsche Faschismus fand Zuspruch in einer Zeit größter sozialer Ungerechtigkeiten.

Die Beschäftigung mit der Geschichte Mecklenburgs in der Zeit von 1925 bis 1932, als die erste von der NSDAP gestellte Landesregierung gebildet wurde, macht dies deutlich. 

Den wohlklingenden Versprechungen der Nazis folgten Unterdrückung, Beseitigung der Demokratie, Völkermord und Krieg. 

Das deutsche Volk musste von außen befreit werden, es war selbst nicht in der Lage, sich vom Faschismus zu befreien. 

Als am 8.Mai die Waffen schwiegen, hatten mehr als 50 Millionen Menschen den verbrecherischen Wahn des deutschen Faschismus mit ihrem Leben bezahlt.

Der vom faschistischen Deutschland entfesselte Krieg schlug mit aller Macht auf Deutschland zurück. 

Über 11 Millionen deutsche Soldaten gerieten in Gefangenschaft. 

7,7 Millionen in Lagern der Westmächte, 3,3 Millionen in Lagern der Sowjetunion. 

Zu den Millionen Toten, Verletzten und Obdachlosen kamen weitere 10 Millionen, die durch Flucht und Vertreibung ihr Zuhause verloren hatten. 

Für all diese Menschen war der 8. Mai, wie Altbundespräsident von Weizsäcker zu Recht feststellte, ein Tag der Befreiung. „Er hat“ - so von Weizsäcker - „ uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ 

Für all diese Menschen sollte der 8. Mai 1945 ein Neuanfang sein. 

Dieser Neuanfang war gekennzeichnet von der Politik der Besatzungsmächte. 

Sie führte zur Spaltung Deutschlands und zum Kalten Krieg. 

Die Entwicklung in beiden deutschen Staaten war nicht ohne Widersprüche. 

Das Leben in der DDR war ein Leben in einem abgeschotteten Land, in dem sich individuelle Freiheitsgüter nur sehr eingeschränkt entwickeln konnten. 

Und da die undifferenzierte Beurteilung dieser geschichtlichen Epoche durch Herrn Dr. Jäger vorrangig auf die Linkspartei von heute zielt, erkläre ich nochmals: 

Wir haben aus der Geschichte gelernt: Respekt vor den Ansichten Andersdenkender ist Voraussetzung von Befreiung. 

Wir lehnen jede Form von Diktatur ab und verurteilen den Stalinismus als verbrecherischen Missbrauch des Sozialismus. 

Freiheit und Gleichheit, Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit sind für uns unteilbar. 

Und deshalb sagen wir: der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. 

Aus eigener historischer Erfahrung und Verantwortung sind wir deshalb aufgefordert, uns gegen Faschismus und Krieg zu engagieren. 

Der Schwur der  Häftlinge des KZ Buchenwald - „Nie wieder Faschismus - Nie wieder Krieg!“ - hat heute, 62 Jahre nach ihrer Befreiung nichts an Aktualität verloren.

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