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Der Landesvorsitzende der
Linkspartei.PDS Mecklenburg-Vorpommern, Peter Ritter, erklärt:
Zum 60. Jahrestag der Bodenreform
Vor einigen Monaten ergingen Urteile des
Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg -
Erben von Enteigneten und ebenso Erben von Neubauern hatten
geklagt. Nahezu eine Million Hektar Bodenreformland werden
noch treuhänderisch für die Bundesregierung verwaltet. Als
Pachtflächen bilden sie die Lebensgrundlage vieler
ostdeutscher Agrarbetriebe. Sie sollen nach Auslaufen der
Pachtverträge verkauft werden und bilden den Zankapfel
divergierender Interessengruppen.
Die Linkspartei.PDS hat sich stets für die Unantastbarkeit der
Bodenreform und für einen sozial gerechten Kompromiss im
Umgang mit ihren Folgen eingesetzt. Ihre Bemühungen um die
kritische Neubefragung der eigenen Geschichte schlossen auch
die Bodenreform ein.
Die Bodenreform war 1945 ein Gebot der Stunde. Sie gehörte
deshalb zunächst zu den Zielen aller vier Besatzungsmächte,
wie ein Gutachten des Instituts für Besatzungsfragen Tübingen
bereits 1956 bestätigte. Noch 1947 hatten die Außenminister
der Siegermächte eine Bodenreform in allen Besatzungszonen in
Aussicht gestellt. Gleichzeitig stand sie auf dem Programm
sämtlicher deutscher Parteien, wenn auch die Vorstellungen
über Umfang und Durchführung auseinander gingen. Die Forderung
nach einer Bodenreform hatte in Deutschland bereits eine lange
Tradition bei demokratischen Kräften und in der
Arbeiterbewegung. Die historisch überkommene Gutsherrschaft zu
überwinden, war vor allem in den ostelbischen Gebieten eine
überfällige Aufgabe.
Die Bodenreform selbst gehört zu den gut erforschten Prozessen
deutscher Nachkriegsgeschichte. Um so mehr müssen fiktive
Opferzahlen befremden, die keiner Überprüfung standhalten und
offensichtlich ausschließlich auf die Manipulation der
politischen Öffentlichkeit zielen. Die Erforschung der
politischen Rolle des Großgrundbesitzes vor 1945 und des
Zwangsarbeitersystems auf den Gütern bringt interessante
Fakten an den Tag. So macht z. B. die endlich zugängliche
NSDAP-Mitgliedskartei für Mecklenburg deutlich, dass jeder
vierte Gutsbesitzer Mitglied der Nazipartei war und ein
Drittel davon schon vor 1933 in die NSDAP eintrat. In der Flut
der Memoirenliteratur dominiert hingegen die Verklärung von
Gutsherrschaft und ihrer politischen Orientierung.
Die geschichtliche Bilanz darf dennoch nicht am Beitrag der
Bodenreform zum gesellschaftlichen Fortschritt in Deutschland
vorbeigehen. Dazu gehört zweifelsohne die Entmachtung einer
gesellschaftlichen Schicht, die durch führende Repräsentanten
die Weimarer Republik bekämpfte, Hitlers Weg zur Macht
beförderte sowie dessen Politik der Kriegsvorbereitung
unterstützte und die insgesamt durch ihre ökonomische
Vormachtstellung und gesellschaftspolitische Orientierung
einer Demokratisierung des Dorfes im Wege stand. Die
Bodenreform sicherte Umsiedlern, Flüchtlingen und Vertriebenen
eine neue Existenz, verbesserte die Lebenslage breiter
ländlicher Schichten. Sie mobilisierte die Landbevölkerung und
half die allgemeine Stimmung von Lethargie und
Perspektivlosigkeit zu durchbrechen, was auch auf die Stadt
ausstrahlte.
Schwerin, 02. September 2005 |
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